DAS GROSSE SPIEL


Peter Hopkirk







Eine Geschichte der Festungen



















The Great Game. On Secret Service in High Asia, 1994, Neuausgabe Oxford Universitiy Press 2001; deutsch bisher nicht erschienen (A.d.Ü.).“


So gesehen in Im Krebsgang voran, Umberto Eco, Hanser 2007. Diese Fußnote von Burkhard Kroeber hat mich vor drei Jahren auf die Idee gebracht das Große Spiel zu übersetzen.


Im 13-ten Jahrhundert überrennen die Mongolen unter Temujin/Dschinghis Khan Zentralasien und halb Europa und nehmen das Großfürstentum Moskau (engl. Muscovy) ein. Damit wird die jahrhundertlange Unterjochung der Russen eingeleitet, denn: „Zu dieser Zeit bestand Russland aus etwa einem Dutzend Fürstentümer, die häufig untereinander im Krieg lagen. Zwischen 1219 und 1240 erlagen sie, eins nach dem anderen, der mongolischen Kriegsmaschine, weil sie vergaßen sich zu verbünden, um dem gemeinsamen Feind zu widerstehen. Das sollten sie noch lange bereuen.“ (Kap.1 Die gelbe Gefahr)

Die Mongolen richten Festungen in Kazan, Astrachan und auf der Krim ein, von denen die letzte auf der Krim unter Katharina der Großen Heim ins russische Reich geholt wird. Allerdings nicht durch einen Krieg oder eine Schlacht, sondern durch Wurfzettel, die die Krim-Bewohner direkt fragten, ob sie lieber zum osmanischen Reich oder zum russischen gehören wollten. Blutigere Festungseinnahmen sollten folgen.

Als die Briten, im Auftakt zum I. Afghanischen Krieg, 1839 in Afghanistan einmarschieren, um einen Marionetten-Khan in der Person Shah Shujahs anstelle von Dost Mohammed einzusetzen, müssen sie zunächst die als uneinnehmbar geltende Feste Ghazni einnehmen. Dieser Nimbus, den viele Festungen in Zentralasien für sich in Anspruch nahmen, sollte nicht lange halten. Lieutenant Durand sprengte beim dritten Versuch das Kabul-Tor, woraufhin die Briten hineinströmten, und die moderne britische Armee den Insassen den Garaus machte.

Tscherkessien und Dagestan waren die ersten Länder, in denen Mujaheddin, Gotteskrieger unter dem Befehl von Shamyl, einem Osama Bin Laden des 19-ten Jahrhunderts, sich den Russen in den Weg stellten und ihre Heimat gegen sie verteidigten. Dieser Kampf wurde in den Höhen des Kaukasus ausgetragen und konnte von den Russen nach zwanzig Jahren zähen Ringens und hoher Verluste duch den Einsatz moderner Waffen beendet werden. „Die größte Festung der Welt“, was eine Umschreibung für den Kaukasus und gleichzeitig der Titel des zwölften Kapitels ist, war gefallen.

In Geok Tepe leisten die Turkmenen ihren letzten Widerstand. Die Russen hatten die Festung bereits einmal angegriffen und waren von den zahlenmäßig überlegenen Turkmenen vertrieben worden. Jetzt, nachdem Geok Tepes Wälle verstärkt worden waren, rückten die Russen (wie die Sautond Streitmacht im 2. Teil des Herrn der Ringe gegen Helms Klamm) wieder an. Das geschah, nachdem das Gerücht sich verbreitet hatte, dass „sich eine starke Streitmacht in Krasnovodsk vorbereitete, unter dem umwerfenden Kommando von General Mikhail Skobelev, einem der außergewöhnlichsten und schillerndsten Soldaten des Zaren, der im letzten Krieg mit der Türkei zu Bekanntheit gelangt war. Seine Soldaten hatten ihm den Spitznamen „der Weiße General“ gegeben, weil er stets in einer funkelnden weißen Uniform, auf einem weißen Ross in die Schlacht ritt, und er genoss auch den Ruf der Rücksichtslosig- und Grausamkeit, was ihm den Namen der „verdammt blutrünstige Blick“ bei den Turkmenen eintragen hatte.

Skobelev mimt hier den weißen Zauberer Gandalf etwa fünfzig Jahre vor dessen Entstehung, und seine Funktion besteht in genau dem Entgegengesetzten wie die des weißen Zauberers. Denn der weiße General lässt einen Tunnel unter die Festung graben (sic!), zwei Tonnen Sprengstoff darin deponieren und zünden. „Das Ergebnis war eine riesige Explosion, die eine große Säule aus Erde und Trümmern zum Himmel schickte.“ Alle fliehenden Turkmenen werden abgemetzelt. Ein Schrei der Empörung geht durch Europas Gazetten.

Die Festungen von Hunza, deren Untergang dass folgende Kapitel schildert, das sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt, sind nicht die letzten Festungen, die im Rahmen des Großen Spiels angegriffen werden. Es erfolgt während des russisch-japanischen Krieges ein Marsch der Briten nach Tibet, weil das seit Urzeiten verschlossene Land Verhandlungen verweigert und unter dem dringenden Verdacht steht, gemeinsame Sache mit den Russen zu machen, bereits einen Gesanften empfangen und Verträge ausgehandelt zu haben. Im Gegenzug marschieren die Briten bis nach Lhasa und bekommen es auf dem Weg mit einer Armee buddhistischer Kriegermönche zu tun.

Aber das ist eine andere Geschichte, genau wie der Krieg um Port Arthur, der, ähnlich wie vierzig Jahre später Pearl Harbour, mit einer nachzureichenden Kriegserklärung angegriffen wird, mit dem Unterschied, dass die russische Flotte hier noch nicht komplett aufgerieben wird.

Mit den Einzelheiten dieser Auseinandersetzungen befassen sich die letzten beiden Kapitel des Buchs.

Nun aber zum spektkulären Kampf, um zwei Festungen, die den Eingang zum Tal von Hunza bewachten, dessen König ein Raffzahn war, der einmal zu oft die Karawanen der kaschgarischen, kaschmirschen und nicht zuletzt britischen Händler überfallen ließ, in:







Krisenherd

im hohen Pamir




selbst wenn entschiedenes Handeln, seitens der Briten und St. Petersburg, und Angst vor einem Krieg, die Russen dieses Mal gezwungen hatte, einen Schritt zurückzumachen, hatte der Übergriff von Yanov und seinen Kosaken, innerhalb nur weniger Stunden von Chitral und Gilgit, Indiens Abwehrchefs einen bösen Schrecken eingejagt. Sollte die Vergangenheit irgendetwas gezeigt haben, dann dass das russische Militär darin nur einen temporären Rückschlag wahrnehmen und bald wieder nach Süden in den Pamir oder den östlichen Hindu Kush schleichen würde, in diesem unendlichen „Ochs’ am Berg“-Spiel. Während in Kalkutta niemand mehr den Pamir als angemessenen Weg für einen Großangriff auf Indien sah, könnte die Anwesenheit von feindlichen Agenten und kleinen Truppenkontingenten im Falle eines Krieges zwischen den beiden Mächten, wie ein Kommandeur es formulierte, „weitreichenden Schaden“ anrichten. Die Antwort, schrieb Knight in der Times, wäre „die Tür von unserer Seite aus zu schließen“, was genau das war, wozu die Briten sich anschickten, angefangen mit Hunza, das man als den verwundbarsten der kleinen nördlichen Staaten ansah. Von dem Moment an, als die Briten zur Offensive übergingen, war Safdar Alis Schicksal besiegelt.

Der Vizekönig musste nicht lange auf einen Grund warten, um ihn vom Thron zu entfernen. Seit vielen Monaten machte er schon Ärger, in der festen Überzeugung, die Russen kämen zu seiner Hilfe, wenn er sie brauchte. Nachdem sich Younghusbands Einheit aus Kaschmir vom Kopf des Shimshal Passes zurückgezogen hatte, der im Winter unbewohnbar war, hatte er seine Raubzüge auf die Karawanenwege zwischen Leh und Yarkand fortgesetzt, und auf andere benachbarte Gemeinden. Er war sogar so unklug gewesen, einen kaschmirschen Bürger aus einem Dorf mitten in Kaschmir zu entführen und in die Sklaverei zu verkaufen. Außerdem gab er weithin bekannt, dass er die Briten, die versuchten seine Exzesse zu zügeln, als Feinde und die Russen und Chinesen als Freunde betrachtete. Dann, im Frühling 1891, kurz vor Yanovs Erscheinen im Pamir im Norden von Hunza, erfuhr Colonel Durand in Gilgit, dass Safdar Ali plante die kaschmirsche Festung bei Chalt einzunehmen, nach der er schon lange gierte. Indem er Männer sandte, um die Seilbrücken auf der Seite von Hunza zu durchtrennen und die Kaschmir-Garnison dort verstärkte, gelang es Durand das zu vereiteln, doch es war ersichtlich, dass Safdar Ali es früher oder später wieder versuchen würde, vielleicht sogar mit russischer Hilfe. Wie es aussah, war es ihm gelungen den Herrscher des benachbarten Staats Nagar zu überreden, sich ihm gegen die aufdringlichen Briten und ihre kaschmirschen Freier anzuschließen.

Im November 1891 versammelte sich unter strengster Geheimhaltung eine kleine Streitmacht aus Gurkhas und kaiserlichen Truppen Kaschmirs in Gilgit unter Colonel Durands Kommando, bereit nach Norden gegen Hunza und Nagar zu marschieren. Während das geschah, gelang es den Kaschmirern einen Spion aus Hunza zu ergreifen, der von Safdar Ali geschickt worden war, um über die Stärke der britischen Armee in Kaschmir zu berichten. Unter anderem verriet er seinen Vernehmern den genialen neuen Plan seines Meisters, die Garnison in Chalt zu überraschen. Einige Männer aus Hunza, mit Lasten auf dem Rücken, die sie aussehen ließen wie Kulis aus Gilgit (denen sie sehr ähnlich sahen), aber mit versteckten Waffen, sollte in der Festung für die Nacht um eine Unterkunft ersuchen. Einmal drinnen, würden sie über die ahnungslosen Verteidiger herfallen und sie lange genug beschäftigen, um es Safdar Alis Truppen, die in der Nähe verborgen wären, zu erlauben, hinter ihnen hineinzuströmen.

Es war für Durands Streitmacht eindeutig Zeit loszulegen. Sie bestand aus fast 1.000 Gurkhas und Kaschmirern, alles reguläre Truppen, und mehreren hundert paschtunischen Straßenbaukommandos. Sie wurden von Gebirgsartillerie, sieben Ingenieuren und sechzehn britischen Offizieren begleitet. Der Weg war an manchen Stellen so schwierig, dass sie länger als eine Woche brauchten, um nach Chalt zu kommen, das nur zwanzig Meilen (~30 km) nördlich von Gilgit lag, und als vorgeschobene Basis für Einsätze in Hunza und Nagar diente. Hier erreichte Durand eine bizarre Nachricht von Safdar Ali, der inzwischen von dem britischen Vorstoß auf seine Grenze erfahren hatte. Er erklärte, dass Chalt „sogar noch kostbarer für uns ist, als der Nachtzwirn unserer Weiber“, und verlangte, dass es ihm übergeben würde. Er warnte Durand außerdem, dass falls die Briten Hunza beträten, sie bereit sein sollten, es mit drei Nationen aufzunehmen – „Hunza, Russland und China“. „Die männlichen Russen“, behauptete er, hätten bereits versprochen zu seiner Hilfe zu kommen, gegen „die weibischen Briten.“ Er setzte noch hinzu, dass er angeordnet habe, ihm Durands Kopf auf einem Teller zu bringen, falls er es mit seinen Truppen wagte, Hunza zu betreten. Zur gleichen Zeit erfuhr Macartney in Kashgar, Safdar Ali habe Boten zu Petrovsky geschickt, dem russischen Konsul, um ihn an Gromchevskys versprochene Hilfe zu erinnern. Ähnliche Bitten um Waffen und Geld gab es beim chinesischen Gouverneur.

Am 1. Dezember überquerten die britische Streitkraft den Hunza-Fluss mit einer improvisierten Brücke, die Durands Ingenieure gebaut hatten, und steuerten nach Norden auf Safdar Alis Bergkapitale, die heute Baltit heißt, damals jedoch kannte man es nur als Hunza. Der Fortschritt verlief langsam, da die Kolonnen die nahezu senkrechten Wände einer Reihe von tiefen Schluchten auf- und absteigen mussten. An den Scheiteln warteten die feindlichen Scharfschützen auf sie in Sangars, Felsenverschanzungen, von denen jede eingenommen werden musste, bevor es sicher weitergehen konnte. Das erste große Hindernis, das ihren Weg versperrte, war jedoch die gewaltige Festung bei Nilt, die dem Herrscher von Nagar gehörte. Mit ihren massiven Mauern und winzigen Gucklöchern, sagte man, sie sei, wie so viele asiatische Festungen, uneinnehmbar. Durands siebenpfündige Berggeschütze würden sicherlich wenig Eindruck auf sie machen, während es seinen Ghurka-Scharfschützen nicht gelang, die Verteidiger hinter ihren engen Schlitzen abzuschießen. Durands Probleme wuchsen, da sein einziges Maschinengewehr blockierte, während er selbst verwundet wurde, was ihn zwang sein Kommando abzugeben. Aber bevor er das tat, erteilte er seinen Pionieren, die Captain Fenton Aylmer anführte, den Befehl, das Haupttor aufzusprengen. Das war ein extrem gefährliches Unterfangen, so sehr wie die Sprengung des Tors von Ghazni durch Durands Vater, sechzig Jahre zuvor. Was dann passierte, schrieb E.F. Knight, der die Expedition begleitete, „wird man lange nicht vergessen, denn es war eine der tapfersten Taten in der indischen Kriegsgeschichte.“

Gedeckt von starkem Beschuss durch den Rest der Truppe, die die Verteidiger von ihren Gucklöchern fernhalten sollte, schafften es Captain Aylmer, seine paschtunische Ordonnanz und zwei Fähnriche, erfolgreich die Festungsmauer zu erreichen. Kurz hinter ihnen waren 100 Gurkhas, bereit in dem Moment durch das Tor zu strömen, wenn es zerstört würde. Dann, als die Fähnriche zusammen mit Aylmer ihre Revolver aus nächster Nähe in die Gucklöcher entleerten, sausten er und seine Ordonnanz, die beide Sprengladungen bei sich trugen, durch einen Feuerhagel an den Fuß des Haupttors. Dort platzierten sie ihre Sprengladungen1 und bedeckten sie vorsichtig mit Steinen, um die Wirkung zu bündeln. Schließlich, nachdem sie die Lunte gezündet hatten, zogen sich beide Männer eilig an der Mauer zurück, in sichere Entfernung, um auf die Explosion zu warten. Keine kam. Die Lunte war ausgegangen.

In dem Moment wurde Aylmer getroffen – aus so kurzer Entfernung ins Bein geschossen, dass seine Hosen und sein Bein vom Puder verbrannt wurden. Trotzdem kroch er zum Tor zurück um die Lunte noch einmal zu zünden. Er stutzte sie mit seinem Messer zurecht, zündete ein Streichholz und nach einigen Versuchen gelang es ihm, sie wieder zu entfachen. Die Verteidiger, die genau wussten, was er vorhatte, fingen an schwere Steine von oben auf ihn zu werfen, von denen einer seine Hand übel zerquetschte. Wieder robbte Aylmer die Mauer entlang, um auf die Explosion zu warten. Dieses Mal versagte die Lunte nicht. „Wir hörten eine gewaltige Explosion über dem Lärm der Pistolen und Musketen, und sahen Rauchsäulen in die Luft steigen.“ schrieb Knight. Als das ganze Tor in einer großen Wolke aus Staub und Trümmern zusammenbrach, stürmten die Ghurkas, angeführt von Aylmer und den beiden Fähnrichen, in die Festung, wo ein wildes Handgemenge um sie anfing. Zunächst fand sich der erste Sturmtrupp absolut in der Unterzahl und bedrängt, denn in dem Rauch und der Konfusion der Explosion hatte der Haupttrupp nicht gemerkt, dass die Ghurkas schon drinnen waren und feuerte weiter wie wild auf die Mauern und Gucklöcher. Als ihm klar wurde, dass sie niedergemetzelt werden würden, wenn die anderen noch lange warteten, rannte Lieutenant Boisragon, einer der Fähnriche, zurück zum zerstörten Tor und rief um Hilfe, wodurch er sich zur Zielscheibe beider, Freund und Feind, machte. Sein Einsatz sollte die Lage retten, denn einen Moment später stürmte der Rest der Streitkraft in die Festung. Knight sah von der Tribüne was folgte. Als er die Explosion hörte, war er auf die Spitze eines Grats geklettert, von dem aus er in das verrauchte Innere der Festung spähte, „die neben uns aufgeklappt war, wie eine Karte“. In seinem Buch „Wo sich drei Reiche begegnen“: „Dort, in den engen Gassen, war ein Durcheinander von Männern, kaum unterscheidbar von dem Staub und Rauch, aber in einem Augenblick realisierten wir, dass der Kampf in der Festung weiterging.“ Es war wohl offensichtlich, dass die draußen es noch nicht gemerkt hatten. Doch dann plötzlich hörten er und seine Begleiter Jubel über Jubel von unten, in den sie begeistert einfielen, „mit dem Rest an Puste, die wir nach dem langen Klettern noch in uns hatten.“ Von ihrem Aussichtspunkt aus, sahen sie jetzt den Hauptteil der Truppen durch das Tor strömen, was die Verteidiger zur Flucht über die Mauern und kleine, geheime Ausgänge trieb, die nur sie kannten.

Zum Verlust von nur sechs Männern, gegen achtzig oder mehr tote Feinde, war das uneinnehmbare Nilt gefallen. Bald darauf rannte Knight in Aylmer hinein. Mit Blut verschmiert und gestützt von seinen Männern, fand ihn der Times-Reporter „so fidel wie immer“ vor, bis auf die weitere Wunde, die er sich in der Feste zugezogen hatte. „Als wir zum Tor gingen,“ schrieb Knight, „muss er gewusst haben, dass er nahezu sicher in den Tod geht.“ und ergänzte, dass diese Tapferkeit beide Seiten schwer beeindruckte. Ein lokaler Anführer, der den Briten freundlich gesinnt und den Angriff auf das Tor bezeugt hatte, erklärte Knight danach: „So kämpfen Giganten, und keine Männer.“ Diese Ansicht vertraten auch die Behörden in der Heimat, denn beide, Captain Aylmer und Lieutenant Boisragon wurde später das Viktoriakreuz verliehen. Aber trotz des unerwarteten Verlusts von Nilt, setzte der Feind seine Schikanen gegen die Briten fort und bot ihnen die Stirn, als sie sich ihren Weg zur Hauptstadt Hunzas erkämpften. Schließlich, mitten im Dezember, fanden die Angreifer ihren Weg durch ein Hindernis blockiert, das noch überwältigender war, als die Festung von Nilt.

Dieses Mal war eine komplette Bergwand vom Feind in ein Bollwerk verwandelt worden. Bedeckt mit sangars und besetzt von geschätzten 4.000 Männern, beherrschte es das Tal absolut. 1.200 Fuß (~350 m) darunter, mussten die Briten daran vorbei. Der Versuch durch das Tal zu kommen, ohne erst den Feind aus den Höhen zu vertreiben, wäre offensichtlich nah am Selbstmord. Aber wiederholte Aufklärungen erwiesen sich als nutzlos, einen Weg zu finden, über den die Stellungen erreicht werden konnten. Wie in Nilt musste dringend etwas passieren, wenn die Briten nicht gezwungen sollten, den Feldzug abzubrechen und sich zurückzuziehen, was absolut undenkbar war. Die Lösung kam aus einer überraschenden Ecke. Eines Nachts gelang es einem Sepoy aus Kaschmir, unter Lebensgefahr die steile Felswand zu erklimmen, die zu den feindlichen Stellungen führte, ohne von ihnen entdeckt zu werden. Er war selbst ein geübter Kletterer und erklärte seinen Offizieren, dass er glaubte, eine entschlossene Gruppe Gurkhas und anderer erfahrener Kletterer könnte auf diesem Weg zum Feind gelangen. Es sei stellenweise so steil, berichtete er, dass die Verteidiger Schwierigkeiten haben würden, die aufsteigende Soldaten zu sehen oder auf sie zu schießen. Der vorgeschlagene Weg wurde sorgfältig mit dem Fernglas untersucht, worauf man entschied mit dem gewagten Plan fortzufahren – da es keine Alternative zu geben schien.

Vorbereitungen für den Angriff schritten unter größtmöglicher Geheimhaltung voran, denn im britischen Lager, das aus sehr vielen vor Ort angeheuerten Trägern bestand, vermutete man feindliche Spione. Um den Anschein zu erwecken, die Expedition bereite ihren Rückzug vor, wurden 200 Paschtunen, die nur für den Straßenbau gebraucht wurden und für die Operation belanglos waren, angewiesen, mit dem Packen anzufangen. Inzwischen wurde die Attacke auf die Nacht des 19. Dezember festgelegt. Ausgewählt die Klettergruppe anzuführen, wurde Lieutenant John Manners Smith, ein geschulter Bergsteiger von 27 Jahren, der die Streitmacht im Auftrag der politischen Abteilung2 unterstützte. Nur die fünfzig Ghurkas und fünfzig Kaschmirer, alle handverlesen, die ihn begleiten sollten, wurden über die gefährliche Mission informiert, die sie in Kürze unternehmen würden. In der Nacht des Angriffs, noch bevor der Mond aufgegangen war, wurden die besten Scharfschützen unter den verbleibenden Soldaten so leise wie möglich an Aussichtspunkten, 500 Yards (~ 450 m) entfernt, über den feindlichen Stellungen postiert. Die zwei siebenpfündigen Gebirgskanonen wurden ebenfalls im Schutz der Dunkelheit postiert. Zur gleichen Zeit machte sich die Klettergruppe geräuschlos auf den Weg durch das Tal, zu dem dunklen Platz am Fuß der Felswand, die sie besteigen wollten. Es war so, dass die Feinde durch einen glücklichen Zufall diese Nacht für eine ihrer regelmäßigen Feiern ausgewählt hatten, deren Geräusche jeden Lärm, den die verschiedenen Truppenbewegungen verursachten, wirksam dämpfte.

Als der Morgen dämmerte, richteten die Scharfschützen und Kanoniere einen dauernden Beschuss auf die feindlichen Sangars durch das Tal. Das konzentrierte sich auf die Stellungen, von denen die Kletterer darunter am ehesten entdeckt werden konnten. In dem Moment, in dem sie doch entdeckt werden würden, wie sie sich gefährlich an die Felsenoberfläche klammerten, sollte der Beschuss immens verstärkt werden. Anders hätten Manners Smith und seine 100 Mann starke Truppe wenige Chancen zu überleben, oder ihr Ziel zu erreichen. Eine halbe Stunde, nachdem der Beschuss losging, begann die Klettergruppe mit ihrem langen und gefährlichen Aufstieg. „Von unserem Kamm,” schrieb Knight, “konnten wir einen kleinen Strom von Männern sehen, die langsam hochstiegen, jetzt nach links abbogen, jetzt nach rechts, jetzt wieder ein kleines Stück hinab, wenn ihnen ein unüberwindbares Hindernis im Weg war, um es noch einmal an einem anderen Punkt zu versuchen.“ Sie sahen sehr aus, fuhr er fort, wie „eine verstreute Ameisenschlange, die ihren Weg die zerklüftete Wand hinauf suchte.“ An der Spitze konnte er Manners Smith erkennen, der, “agil wie eine Katze”, seinen Männern vorauskletterte. Doch dann, 800 Fuß (~250 m) über der Talsohle, folgte ein schwerer Rückschlag. Manners Smith hielt an. „Ihm war klar,“ schrieb Knight, „und uns sogar noch mehr, da wir die ganze Situation überblickten, dass der Steilhang über ihm nicht überwindbar war.“ Irgendwie hatten sie den falschen Weg genommen. Es blieb nichts übrig, als zum Anfangspunkt zurückzukehren. Zwei Stunden waren verschwendet worden. Wie durch ein Wunder hatte der Feind sie aber noch nicht entdeckt.

Um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden, suchte Manners Smith die Felswand ab, um zu sehen, wo sie den falschen Weg genommen hatten. Ein paar Minuten später, ohne dass der Feind es sah, signalisierte er durch das Tal, dass er einen erneuten Versuch machen würde. Nahezu atemlos beobachteten Knight und der Rest der Streitkraft, wie die Gruppe noch einmal begann sich ihren Weg nach oben zu erarbeiten. Dieses Mal erwies sich der Weg als richtig und die Kletterer kamen ungehindert vorwärts. Nachdem es ihren Kameraden auf der anderen Seite des Tals wie eine Ewigkeit vorkam, waren Manners Smith und eine handvoll seiner besten Kletterer auf sechzig Yards an den nächsten Sangars. In diesem Moment wurde Alarm gegeben und die Hölle entfesselt. Jemand, so schien es, der den Verteidigern freundlich gesinnt war, hatte von der anderen Seite des Tals gesehen, was los war und eine Warnung gerufen. Als sie der Gefahr gewahr wurden, und unter Nichtbeachtung des schweren Beschusses, der auf sie regnete, rannten diejenigen in den Sangars, die am nächsten an der Felswand waren, vorwärts und ließen schwere Steine auf die Klettergruppe regnen.

Einige der Männer wurden getroffen und ernsthaft verletzt, aber durch ein Wunder wurde keiner in den Abgrund darunter gestürzt. Zum Glück hatte die Mehrheit der Kletterer die Punkte passiert, an denen sie am meisten ungeschützt waren, und die Brocken prallten harmlos über ihren Köpfen ab. Inzwischen hatte sich der andere Fähnrich in der Klettergruppe zu Manners Smith gesellt. „Die beiden Offiziere,“ schrieb Knight, „lenkten ihre Männer vortrefflich, achteten auf ihre Gelegenheiten, erarbeiteten sich mit gelassener Urteilsvermögen ihren Weg, von Punkt zu Punkt durch die Lawinen, und gewannen Fuß für Fuß an Höhe.“ Dann, erzählt der Times-Mann, „sahen wir, wie Lieutenant Manners Smith einen plötzlichen Schritt vorwärts machte, mit dem Fuß einen der Sangars erwischte, rechts um ihn herum kletterte und über den flachen Absatz daneben stieg.“ Sekunden später schloss der erste der Ghurkas auf, ihre Kukris und Bajonette glänzten im Sonnenlicht des Winters. In kleinen Gruppen bewegten sie sich von Sangar zu Sangar, betraten sie von hinten und machten ihre Insassen nieder. Erst kämpften die Verteidiger mutig, aber als sie merkten, dass sie keine Chance gegen die gut ausgebildeten Soldaten hatten, entwischten sie allein oder zu zweit aus ihren Stellungen. Das verwandelte sich schnell in eine pauschale Panik und die gesamte feindliche Truppe nahm die Füße in die Hand. Viele der Flüchtenden wurden erschossen, als sie an der Klettergruppe vorbeirannten, oder von den Scharfschützen und Kanonieren auf der anderen Seite des Tals, die den Berghang mit Leichen und Verwundeten garniert zurückließen.

Die Niederlage ihrer zweiten Festung und die Feststellung, dass weder die Russen noch die Chinesen ihnen zu Hilfe kamen, erwiesen sich als zu viel für den Feind. Auf dem ganzen Weg zur Hauptstadt, die zwanzig Meilen voraus lag, legten sie ihre Waffen nieder und ergaben sich, oder gingen nach Hause. Für seine herausragende Rolle an dem Sieg, wurde Manners Smith später das Viktoria-Kreuz verliehen, das dritte auf den dreiwöchigen Feldzug, während einige Sepoys den Indischen Verdienstorden erhielten, die höchste Auszeichnung für Tapferkeit, die derzeit für einheimische Truppen zu haben war. Inzwischen packte Safdar Ali in seiner Hauptstadt hektisch seine Schätze zusammen, bereit zu fliehen. Ihm war auch klar, dass Gromchevskys Versprechen nichts wert gewesen waren. Als die britische Vorhut, deren Vorankommen durch das gebirgige Gelände gebremst wurde, näher an die Hauptstadt kam, entschlüpfte der Herrscher nach Norden und brannte Dorf auf Dorf bei seiner Flucht nieder. Die Besucher hatten erwartet seinen Palast, in Knights Worten, „vollgepackt mit der Beute von einhundert Karawanen“ zu finden. Aber sie sollten enttäuscht werden. In Begleitung seiner Frauen und Kinder und denjenigen seines Gefolges, ihm weiterhin loyal waren, hatte er nahezu alles von Wert mitgenommen, auf die Rücken von 400 Kulis gepackt, sagte man. Eine gründliche Durchsuchung des Palastes verriet aber ein geheimes Arsenal, das hinter einer Wandattrappe versteckt war und russische Gewehre enthielt. Im Palast befanden sich ebenfalls Haushaltswaren, mitunter Samoware und Zeitungen, und ein Bild von Alexander III. Zwischen einer immensen Korrespondenz, viel davon ungeöffnet, mit den russischen und chinesischen Behörden, befanden sich auch Briefe zwischen Younghusband und Gilgit, die seine Agenten währen der Pamirkrise von 1891 abgefangen hatten.

Da sie Safdar Ali unbedingt fangen wollten, damit er nicht versuchte Unterstützung zu versammeln oder anderes Unheil anrichtete, schickten die Briten schnell eine Gruppe Reiter hinter ihm her, in der Hoffnung ihm den Weg abzuschneiden, bevor er die Grenze nach China überquerte, oder eben Russland. Aber irgendwo in den verschneiten Pässen, deren Geheimnisse er besser kannte als seine Verfolger, schaffte er es ihnen zu entwischen und nach Sinkiang zu entkommen, von wo der Gouverneur seine Ankunft bei Macartney meldete. Nachdem sie Safdar Alis gefügigen Bruder auf den Thron gesetzt hatten, mussten die Briten sich entscheiden, was sie dann tun wollten. Sollten sie verweilen oder sich zurückziehen? Aus Furcht, zu gehen würde eher als Schwäche ausgelegt werden denn Großmut, entschieden sie zu bleiben. Zusätzlich zur Stationierung einer kleinen Garnison kaiserlicher Truppen dort, um unwillkommene Eindringlinge wie Gromchevsky und Yanov fernzuhalten, ernannten sie einen politischen Offizier, um den neuen Herrscher bei seinen Entscheidungen zu unterstützen. Wie vorgesehen und geplant, waren Hunza und Nagar (dessen Herrscher man erlaubte, auf dem Thron zu beleiben) Teil von Britisch Indien. „Sie haben uns die Tür ins Gesicht geschlagen.“ soll Giers, der russische Außenminister gesagt und sich laut Berichten beschwert haben, als er die Neuigkeit hörte.

Einmal waren die Briten zuerst da gewesen. Aber jegliche Zufriedenheit, oder Seelenfrieden, den sie mit Hunza gewonnen hatten, sollte sich als kurzlebig entpuppen. Woanders im hohen Norden waren die Russen mal wieder in Bewegung. Das Militär, wurde klar, hatte seine Vormachtstellung über das Außenministerium zurückgewonnen. Sogar Colonel Yanov, der noch vor kurzem von St. Petersburg zusammengestaucht wurde, war Berichten zufolge wieder im Pamir. Bis zum Sommer 1893 waren russische Truppen zweimal mit den Afghanen kollidiert und hatten eine chinesische Festung auf Gebiet abgerissen, das sie als ihres reklamierten. Obwohl die Russen diese Mal eine Konfrontation mit den Briten vermieden, schien sowohl Durand in Gilgit wie Macartney in Kashgar eins sicher zu sein. Unbeachtet der Konsequenzen und bevor die Briten irgendwelche Gegenzüge vorbereiten könnten, planten die Russen den Pamir zu besetzen. Von den Afghanen oder den Chinesen konnte außerdem wenig Trost erwartet werden, deren Wille, diesen russischen Übergriffen zu widerstehen, immer schneller zerbröselte.

Sogar Gladstone, der in der Heimat im Anschluss an die Niederlage der Tories bei den allgemeinen Wahlen von 1892, an die Macht zurückgekehrte, wurde langsam nervös. „Die Dinge haben sich so entwickelt,“ warnte Lord Rosebery, sein Außenminister und anschließender Nachfolger, „dass die Regierung ihrer Majestät nicht einfach nur stillhalten kann.“ Gladstones Lösung bestand darin, St. Petersburgs Zustimmung zu einer gemeinsamen Grenzkommission zu erzwingen, eine Idee, mit der sich die Russen einverstanden erklärten. Dennoch, warnte Rosebery, versuchte das Militär eindeutig jegliche Einigung über die Grenze zu verzögern bis sie hatten was sie wollten. Mit anderen Worten, es war mal wieder Pandjeh. Seine Warnung wurde von den Nachrichten unterstützt, dass die Russen Baza’i Gonbad besetzt hatten, den Brennpunkt der letzten Krise. Aber das war nicht alles. Eine ernste Krise war in Chitral entstanden, das viele Strategen als verwundbarer für ein russisches Eindringen hielten als Hunza. Nach dem Tod seines gealterten Herrschers, war es in Aufruhr geraten, als familiäre Rivalen sich um den Thron stritten. Dadurch hatte Chitral in drei Jahren fünf Herrscher.

Bisher waren die Briten damit glücklich, sich auf den Vertrag mit Chitral zu berufen, um alle Kosaken und sonstige Unerwünschte fernzuhalten. Mit Aman-ul-Mulks Tod waren die Briten überhaupt nicht mehr sicher, dass diese Vereinbarung weiter bestehen würde. Das würde davon abhängen, welcher seiner sechzehn Söhne die Oberhand gewann. Indessen, dachten zumindest einige, gab es ein gravierendes Risiko, dass die Kosaken in das Vakuum stießen. „Mit russischen Posten im Pamir,“ warnte Durand aus Gilgit, „ist ein anarchistisches Gilgit als Nachbar für uns zu gefährlich, und ein zu verlockendes Gebiet für russische Machenschaften und Störungen um es hinzunehmen.“ Wenn man der russischen Presse wirklich irgendetwas glauben konnte, dann hatten die Briten allen Grund zur Sorge. Indem sie den Bau eine Militärfernstraße südlich über den Pamir und das Hissen der Flagge über dem Pamir und dem Hindu Kush forderte, verlangte das Nachrichtenblatt Svet Chitral zum Protektorat des Zaren zu machen. Obwohl das stark dem, was das Außenministerium sagte, widersprach, verlieh es zweifelsfrei dem Einverständnis aller Offiziere und Mannschaften der russischen Armee Gehör, und voraussichtlich dem des Kriegsministeriums selbst.

Laut N.A. Khalfin, dem sowjetischen Historiker dieser Ära, lagen sich die Minister und Berater des Zaren darüber in den Haaren, was sie in der Pamir-Region machen sollten. Er besteht darauf, dass sie zutiefst über die politischen Aktivitäten von britischen Funktionären wie Durand und Younghusband beunruhigt waren und über die Annexion von Hunza und Nagar, wenn die Rückkehr der Liberalen auch tröstlich war. Während die Falken, mit dem Kriegsministerium an der Spitze, den Zaren drängten sich aggressiv zu geben, bevorzugten die Tauben unter Giers eine diplomatische Lösung, mit dem Argument schwere interne Probleme (die Hungersnot allein hatte eine halbe Million Leben gekostet) schloßen jede Frage nach einer Konfrontation aus. Und warum sollte man sich jetzt mit den Briten um Gebiete zanken, die man in Kriegszeiten andauernd besetzen könnte? Die Briten wussten davon natürlich nichts, und angesichts des kriegerischen Untertons russischer Leitartikel und St. Petersburgs Vorgeschichte, eins zu sagen und das andere zu tun, konnte man ihnen kaum vorwerfen, beunruhigt zu sein.

Inzwischen, ging der Kampf um den Thron in Chitral selbst weiter und wurde mit jedem Mal blutiger. Zunächst verhielten sich die Briten neutral, in der Hoffnung den letztlichen Gewinner bevormunden zu können. Aber sehr bald steckten sie mitten in dem Schlamassel. Und da wieder heraus zu kommen, erwies sich als wesentlich komplexer.

1 gun-cotton slabs schreibt Hopkirk, wörtlich Schieß-Baumwollplatten ergo Sprengladungen (A.d.Ü.)

2 Britisch-Indien wurde vom Politbüro in Kalkutta verwaltet.